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Leben und Alltag mit einem behinderten Kind – Im Gespräch mit Sonja Wäger-Kuhn

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Wie ist es, wenn eine Familie urplötzlich vor einem ganz neuen Leben steht, das so nicht geplant war? Einem Leben, in dem der Alltag Kopf steht und komplett neu organisiert werden muss.

In einem sehr ehrlichen Gespräch erzählt Sonja Wäger-Kuhn, Mutter eines 18-jährigen behinderten Sohnes, von ihren ganz persönlichen Erfahrungen. Sie berichtet, wie es ist, wenn man alle Pläne, die man für sein Leben gemacht hat, von heute auf morgen neu denken muss und welche Sorgen und Ängste damit einhergehen. Aber sie spricht auch und vor allem von den Freunden, die sie und ihre Familie im Alltag erleben. Denn Sonja Wäger-Kuhn hat gelernt, auf die schönen Dinge zu schauen und daraus Kraft zu schöpfen. „Mein Sohn kann vielleicht nicht sprechen, aber er kann lachen.“, sagt sie.

Wem das Gespräch gefällt, dem möchte ich auch unsere Interviewreihe mit Daniela Hofschneider ans Herz legen. Sie ist ebenfalls Mutter eines behinderten Kindes, und wir sprechen in jeder Episode über ein anderes Thema, das Eltern mit geburtsgeschädigten Kindern bewegt. Alle Interviews findet ihr auf unserer Videoseite. Und wer mehr über Sonja Wäger-Kuhn erfahren möchte, findet weiter Infos auf ihrer Website www.sonnissiteoflife.de.

Ein Beitrag von:

Dr. Roland Uphoff, M.mel.
Fachanwalt für Medizinrecht,
Geburtsschadensrecht und Arzthaftungsrecht

Über die besondere Bedeutung der Eltern-Kind-Bindung bei Kindern im Krankenhaus

Kind auf dem Arm der Mutter

Im Februar ist ein sehr engagierter Artikel in der Fachzeitschrift kinderkrankenschwester (Ausgabe 2/22) erschienen. Darin beschreibt der Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger Henning Demann detailliert und kenntnisreich, welche besondere Bedeutung der Eltern-Kind-Bindung bei einem stationären Krankenhausaufenthalt eines Kindes zukommt. Und er erklärt, was dies konkret für die Arbeit des Pflegepersonals bedeutet.

Verbindliche Beziehungen sind zentral

Nach meiner Auffassung ist die Formulierung „Bindung sichert Überleben“ der wesentliche Leitsatz des Artikels. Er macht deutlich, wie sehr die Eltern-Kind-Beziehung gerade während eines Krankenhausaufenthalts von behandlungsbedürftigen Kindern im Vordergrund stehen muss. Eine angemessene, innige Bindung zwischen Eltern und Kindern ist kein Beiwerk. Sie ist die Grundlage für eine gesunde seelische und körperliche Entwicklung des Kindes. Dem Pflegepersonal kommt hier, neben der medizinischen Versorgung, entsprechend eine besondere Rolle und eine große Verantwortung zu.

Zunächst gilt es daher sicherzustellen, dass die Eltern keine Besucher sind und dass sie jederzeit uneingeschränkten Zutritt zu ihrem Kind haben. Auch die EACH-Charta (European Association for Children in Hospital) hält fest, dass ein Kind im Krankenhaus ein Anrecht auf seine Eltern hat. Dies zu ermöglichen und die Eltern darüber hinaus in ihrer Rolle angemessen zu unterstützen, ist neben der Pflege des kranken Kindes die zentrale Aufgabe des Pflegepersonals. Im Rahmen der familienorientierten Pflege und Unterstützung soll so die elterliche Position gestärkt und die pflegerische Kompetenz der Eltern, die vielfach bereits Experten bei der Versorgung ihres Kindes sind, weiterentwickelt werden.

Besonderes Know-How

Die Kinderkrankenpflegenden sind darüber hinaus aufgerufen, mit den Eltern die schwere psychosoziale Belastung, die ein Krankenhausaufenthalt bedeutet, zu meistern. Der Artikel betont, dass hier eine spezielle Kommunikation notwendig ist. Nur so lassen sich die Eltern ausreichend einbeziehen und es kann ihrem Bedürfnis nach Fürsorge für das eigene Kind entsprochen werden. Denn es wird zu Recht klargestellt: „Psychisch stabile Eltern fördern den Genesungsprozess der kranken Kinder. Hierfür müssen wir Fachkräfte die Situation der Betroffenen wahrnehmen.“ Dies erfordert große Sensibilität und ein besonderes Know-How.

Fazit

Professionell Pflegende im Bereich der Kinderkrankenpflege sollten sich immer bewusst sein, welche besondere Herausforderung eine unter Krisenzeiten entstehende Eltern-Kind-Bindung im Kinderkrankenhaus bedeutet. Aber eben auch, welche gesellschaftliche Chance hier liegt: Bindungsfähige Menschen sind die Voraussetzung für ein gesundes soziales Miteinander. Und so bietet sich hier auch eine kleine, aber reale Möglichkeit, positiven Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklung zu nehmen.

Den gesamten Artikel können Sie jederzeit hier nachlesen.

Ein Beitrag von:

Dr. Roland Uphoff, M.mel.
Fachanwalt für Medizinrecht,
Geburtsschadensrecht und Arzthaftungsrecht

(Bildquelle: Shutterstock „A3pfamily“)

Dr. Roland Uphoff bei einem Onlinevortrag

Zusammenarbeit im Kreißsaal ist entscheidend

Dr. Roland Uphoff bei einem Onlinevortrag

Im Rahmen des 16. Intensivkurs Pränatal- und Geburtsmedizin habe ich nochmals zu der Verantwortlichkeit und Zusammenarbeit im Kreißsaal referiert.

Gesellschaften fordern Voraussetzungen für Facharztstandard

Nicht nur die obergerichtliche Rechtsprechung, sondern auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie die Deutsche Gesellschaft für perinatale Medizin fordern ausdrücklich, dass gewisse strukturelle und personelle Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um den Facharztstandard in der Geburtshilfe, d. h. in der vorgeburtlichen Betreuung und im Kreißsaal zu gewährleisten.

Personelle Unterbesetzung darf Facharztstandard nicht aufweichen

Hierzu gehört auch eine klare Regelung, wann und zu welchem Zeitpunkt der erfahrene und kompetente Facharzt/-ärztin von der Hebamme zu rufen ist. Gerade bei aufgetretenen Pathologien muss die Hebamme zeitnah den Arzt/die Ärztin hinzurufen. Eine personelle Unterbesetzung im Kreißsaal kann niemals den aus rechtlicher Sicht geforderten sogenannten „Facharztstandard“ aufweichen. Nicht umsonst formulieren auch die Mutterschaftsrichtlinien, dass Dreh- und Angelpunkt der Schwangerenvorsorge und der geburtshilflichen Betreuung das frühzeitige Erkennen von Risiken für Mutter und/oder Kind erfordert.

Eine risikoadaptierte und vorausschauende Geburtshilfe ist in der Zusammenarbeit zwischen Hebamme und Facharzt/-ärztin im Kreißsaal unbedingt notwendig.

Ein Beitrag von:

Dr. Roland Uphoff, M.mel.
Fachanwalt für Medizinrecht,
Geburtsschadensrecht und Arzthaftungsrecht

Medikamentöse Geburtseinleitungen sind Risikogeburten

Dr. Roland Uphoff vor einem Bild

Aus einer Vielzahl von Geburtsschadensfällen weiß ich, dass medikamentös eingeleitete Geburten Risiken für Mutter und Kind bedeuten. Risiken, die nicht selten von den Geburtshelfern oder Hebammen ausgeblendet werden.

Geburtseinleitung mit Cytotec

In einem Online-Vortrag anlässlich des DGPM-Kongresses in Berlin habe ich kürzlich darüber gesprochen, dass gerade das Medikament Cytotec, das seit vielen Jahren in deutschen Kliniken eingesetzt wird, in der öffentlichen Diskussion zu Recht in die Kritik geraten ist. Das Medikament soll auf künstlichem Wege Wehen hervorrufen, ist für eine Geburtseinleitung jedoch nicht zugelassen. Das heißt, es darf im Grundsatz gar nicht in der Geburtshilfe eingesetzt werden.

Viele Mütter mit geburtsgeschädigten Kindern, die eine Geburtseinleitung mit Cytotec erlebt haben, beschreiben die Geburt als sehr schmerzhaft und künstlich produziert. Sie berichten außerdem häufig, dass sie über das Medikament nicht ausreichend aufgeklärt wurden. Cytotec ist im Kontext der Geburtshilfe ein Off-Label-Medikament. Off-Label bedeutet, dass ein Medikament zu einem Zweck angewendet wird, für das es nicht offiziell zugelassen ist. Gerade in einem solchen Fall muss die werdende Mutter daher besonders sorgfältig über die Risiken der beabsichtigten Medikation aufgeklärt werden.

Cytotec und die Folgen
Artikel über die Folgen von Cytotec in der Welt am Sonntag von Steffi Unsleber

In einem sehr lesenswerten Artikel mit dem Titel „Cytotec und die Folgen“ berichtet die Welt am Sonntag aktuell über die dramatischen Folgen, die das Medikament für Mutter und Kind haben kann. Der gut recherchierte und sehr ausführliche Text zeigt am Beispiel dreier Familien, welche schwerwiegenden Folgen ein leichtfertiger Umgang mit Cytotec haben kann. Im Interview mit der Redakteurin habe ich daher betont, dass die bedenkenlose Anwendung von Cytotec nicht akzeptiert werden kann. Und da seit dem 1. September 2021 ein neues, zugelassenes Medikament vorliegt, das mit dem identischen Wirkstoff deutlich niedriger dosiert werden soll, dürfte Cytotec zukünftig auch im Rahmen eines Off-Label-Use nicht mehr zulässig sein.

Auch mit der Zulassung eines neuen Medikaments bleibt eines jedoch elementar wichtig für eine sichere Geburt: eine ausreichende und sorgfältige Information und Aufklärung der werdenden Mutter. Und eine kontinuierliche fachärztliche Kontrolle und Überwachung, wenn die Geburt medikamentös eingeleitet wird.

Ein Beitrag von:

Dr. Roland Uphoff, M.mel.
Fachanwalt für Medizinrecht,
Geburtsschadensrecht und Arzthaftungsrecht

Gastbeitrag LEBENgestalten: Wenn die Verantwortung für das Kind nicht endet

Eine erschöpfte Frau auf dem Sofa

„Ich möchte gerne wieder Reisen“….“Ich möchte gerne einfach nur Mutter sein und nicht nur die Sekretärin für mein Kind sein“…..,“und ich möchte gerne noch lange gesund bleiben!“

Dies sind O-Töne von Teilnehmenden eines Workshops, der am 20.11.2021 in Düsseldorf vom AKG (Arbeitskreis Kunstfehler in der Geburtshilfe e. V.) veranstaltet wurde. Die Teilnehmenden waren Mütter und Väter von mittlerweile erwachsenden Kindern, die auf Grund eines Geburtsschadens, mehrfach behindert sind. Diese Eltern kümmern sich seit dieser Zeit um ihre Kinder und mussten mehr als einmal, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse hinten an stellen, um die Versorgung des Kindes sicherzustellen.

In diesem Workshop wurden diese Wünsche und Bedürfnisse aufgespürt und formuliert. Sie haben zu dürfen und sie anzunehmen war nicht für jeden Teilnehmenden einfach. Manchmal, so die Teilnehmenden, weiß man gar nicht mehr, wie sich eigene Wünsche anfühlen, denn zu oft hat man die Erfahrung gemacht, dass sie sich nicht erfüllen und die Gründe dafür sind vielfältig. Entweder bricht der familiäre Rückhalt weg, das soziale Umfeld zieht sich zurück, es gibt wenige Angebote für die Kinder in der Nähe oder sie sind für die Bedürfnisse des Kindes nicht geeignet. Das führt dazu, dass sich die pflegenden Mütter und Väter mehr und mehr auf sich verlassen und alle anfallenden Aufgaben übernehmen. Da bleibt nicht viel Platz für das Eigene.

Nun sind die Kinder ganz gut versorgt und es stellt sich die Frage, wo kann, möchte und muss ich abgeben?

Nicht nur für sich selbst, sondern auch mit der drängenden Frage, was wird, wenn ich nicht mehr da bin? Hier braucht es ein Lernfeld, denn loslassen bedeutet hier im ersten Schritt sich dem Thema sanft zu nähern.

Der Mensch ist von Geburt an mit fünf Basiseffekten ausgestattet. Diese sind Freude, Trauer, Wut, Angst und Ekel. D. h. Gefühle erkennen und zulassen zu können, bedeutet einen wichtigen Dialog zu sich selbst und zeugt von großer Stärke. Fühlen können und dürfen macht den Menschen aus!

Klingt nach einem Spagat! Die Mütter und Väter konnten über die eigenen Wünsche hinaus auch Wünsche für ihr Kind formulieren. Wünsche, die Eltern sich für ihre Kinder wünschen wie, dass sie glücklich sind und hier zusätzlich gepaart mit so viel Selbstbestimmung wie es für ihre Kinder möglich ist. Doch Selbstbestimmung fällt nicht vom Himmel und muss gelernt werden. Die Selbstbestimmung dieser Kinder ist in Abhängigkeit zu den pflegenden Eltern, die loslassen müssen, um ihre eigene Selbstbestimmung leben zu können, ohne schlechtes Gewissen.

Zu sprechen, sich auszutauschen ohne bewertet zu werden, seinen Zweifeln und Ängsten Raum geben zu dürfen, das war für die Teilnehmenden entlastend und zielführend.

„Ich fühle mich leichter und ich habe neuen Mut und Ideen!“ Schöner kann ein Workshop nicht enden!

Ein Gastbeitrag von:

Anja Brückner-Dürr
Dipl. Sozialpädagogin, Traumapädagogin, Mediatorin
www.praxis-lebengestalten.de

(Bildquelle: Shutterstock „BAZA Production“)

Daniela Hofschneider im Gespräch

Informationen aus der Praxis: Erste Schritte für betroffene Eltern

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Wenn Eltern die Vermutung haben, dass ein Behandlungsfehler bei der Geburt die Ursache für eine Behinderung des eigenen Kindes ist, ist es zunächst wichtig, sich die Kräfte für rechtliche Schritte gut einzuteilen. Da die Bewältigung des Alltags bereits eine große Herausforderung darstellt, ist es umso notwendiger, zusätzliche Aufgaben gut zu priorisieren und wichtige Themen vorzuziehen. Aber was ist wichtig und worauf muss man achten, wenn man rechtliche Schritte plant?

Gemeinsam mit Daniela Hofschneider gebe ich einen Überblick, worauf Eltern sich als erstes konzentrieren sollten und wie der konkrete Ablauf einer medizinrechtlichen Beurteilung ist. Wir klären, warum dem Gedächtnisprotokoll eine zentrale Bedeutung bei der Bewertung von Geburtsschäden zukommt und worauf man bei der Erstellung achten sollte. Außerdem sprechen wir darüber, welche Rolle private Gutachter spielen und warum ich dringend davon abrate, eine Strafanzeige zu stellen.

Das Video ist Teil unserer Interviewreihe zum Thema Geburtsschadensrecht, die wir 2013 aufgezeichnet haben. Alle Videos dieser Reihe finden Sie auf der Seite „Recht bei Geburtsschaden: Das sollten Sie wissen“.

Ein Beitrag von:

Dr. Roland Uphoff, M.mel.
Fachanwalt für Medizinrecht,
Geburtsschadensrecht und Arzthaftungsrecht

Informationen aus der Praxis: Das sollten Eltern geburtsgeschädigter Kinder wissen

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Eltern von geburtsgeschädigten Kindern stehen einer Vielzahl von Herausforderungen gegenüber. Nicht nur der Alltag muss von jetzt auf gleich ganz neu organisiert werden. Auch wiederkehrende Fragen nach der Ursache für die Behinderung des Kindes beschäftigen die Betroffenen und führen zu Unsicherheit. Oft ist es schwer, in der Menge zum Teil unklarer Informationen den Überblick zu behalten und die richtigen Schlüsse zu ziehen. In meiner Praxis als Anwalt erfahre ich das immer wieder.

Im zweiten Teil meiner Interviewreihe zum Thema Geburtsschadensrecht spreche ich mit der betroffenen Mutter Daniela Hofschneider über genau diese Themen. Neben einer kurzen Einführung, in der es allgemein um Auftreten und Häufigkeit von Geburtschadensfällen geht, unterhalten wir uns allem darüber, was Familien im Alltag konkret helfen kann. Und wir erklären, warum es sinnvoll ist, sich ein Netzwerk an Unterstützern zu organisieren.

Das Video ist Teil unserer Interviewreihe zum Thema Geburtsschadensrecht, die wir 2013 aufgezeichnet haben. Alle Videos dieser Reihe finden Sie auf der Seite „Recht bei Geburtsschaden: Das sollten Sie wissen“.

Ein Beitrag von:

Dr. Roland Uphoff, M.mel.
Fachanwalt für Medizinrecht,
Geburtsschadensrecht und Arzthaftungsrecht

Urteilsbesprechung Schmerzensgeld für Plexusschaden

Rekord-Schmerzensgeld für Plexusschaden

Andrea Dreimann

Mit Urteil vom 24.03.2021 ist das Landgericht Oldenburg über die in der Rechtsprechung bislang üblichen 60.000 – 75.000 Euro Schmerzensgeld für einen Plexusschaden deutlich hinausgegangen. Es hat einem Kind erstmals ein Schmerzensgeld in Höhe von 100.000 Euro zugesprochen. Das Urteil ist rechtskräftig.

Fehlerhafte Behandlung bei Schulterdystokie

In dem vom Landgericht zu entscheidenden Fall war bei einem Säugling unter der Geburt eine Schulterdystokie aufgetreten. Bei einer Schulterdystokie tritt nach Geburt des kindlichen Kopfes ein Geburtsstillstand ein. Ursache ist eine ungenügende Drehung der kindlichen Schultern im mütterlichen Becken.

Nach den Feststellungen des Gerichts war das zur Lösung vorgenommene McRoberts-Manöver in fehlerhafter Weise durchgeführt worden. Das McRoberts-Manöver ist ein geburtshilfliches Verfahren zur Behandlung bei Schulterdystokien. Durch mehrmaliges maximales Beugen und Überstrecken der Beine der Mutter kommt es zu einer Kippbewegung des mütterlichen Beckens, mit dem Ziel, die festsitzende Schulter des Kindes zu lösen.

Für die korrekte Durchführung dieses Manövers sind laut Gericht zwei Personen erforderlich. Sofern einer der Geburtshelfer dabei wie angegeben in Höhe der Schulter der Kindesmutter auf dem Bett gekniet hat, ist diese Methode nicht korrekt durchführbar. Insbesondere sei so die notwendige Überstreckung der mütterlichen Beine nicht möglich. Zudem müsse das Manöver mehrmals durchgeführt werden. Das lediglich einmalige kurze Beugen und Strecken der Beine der Kindesmutter durch eine Person wie in diesem Fall wertete das Gericht ausdrücklich als einen groben Fehler bei der Geburtsleitung.

Grober Behandlungsfehler und die Folgen

Aufgrund dieses groben Behandlungsfehlers nahm das Gericht eine Beweislastumkehr zugunsten des Kindes an. Durch die Beratung eines Sachverständigen ging das Gericht davon aus, dass es durch eine fachgerechte Geburtsleitung möglich gewesen wäre, den eingetretenen Geburtsschaden zu verhindern.

Bei dem Kind war es geburtsbedingt zu einer Plexuslähmung links mit Wurzelausrissen der Nerven im Bereich C7, C8 sowie Abrissen bei C6 und C5 gekommen. Für die Höhe des Schmerzensgeldes war maßgeblich, dass der Arm nahezu gebrauchsuntauglich geworden ist. Es liegt trotz bislang dreier Operationen eine dauerhafte funktionelle Einschränkung des Armes vor, den das Kind nur noch als Haltearm und daher sehr eingeschränkt nutzen kann. Hinzu kommt die optische Beeinträchtigung durch die Verkümmerung des Armes. Eine weitere Folge der fehlerhaften Geburtseinleitung ist ein Horner-Syndrom mit einer Verkleinerung des linken Auges.

Die Entscheidung eines Gerichts, für einen gravierenden Plexusschaden erstmals ein Schmerzensgeld im sechsstelligen Bereich auszuurteilen, war längst überfällig. Es bleibt zu hoffen, dass auch andere Gerichte die mit diesen Schädigungen einhergehenden lebenslangen körperlichen Beeinträchtigungen anerkennen und sich im Hinblick auf die Schmerzensgeldhöhe dem Urteil des Landgerichts Oldenburg anschließen.

Hintergrund: Plexusverletzungen treten in unterschiedlichen Formen auf

Die meisten geburtsbedingten Plexusschädigungen haben ihre Ursache in Schädigungen der Nerven, die sich in der Regel in drei bis vier Wochen wieder zurückbilden. In diesen Fällen geht auch die Lähmung zurück und es kann unter krankengymnastischer Behandlung zu einer nahezu vollständigen oder sogar vollständigen Wiederherstellung der Bewegungsfunktionen kommen.

In schweren Fällen hingegen bleiben erhebliche Einschränkungen der körperlichen Integrität dauerhaft bestehen: Es kommt zu permanenten Lähmungserscheinungen, Muskelungleichgewichten und einer Minderentwicklung des Arms, sodass dieser in seiner Funktion als Greifarm nicht mehr genutzt werden kann.

Awareness Plexusparese

Hilfe und Unterstützung erfahren die betroffenen Kinder und ihre Eltern durch den Verein Plexuskinder e. V.

 

Ein Beitrag von:

Andrea Dreimann
Fachanwältin für Medizinrecht,
Geburtsschadensrecht und Arzthaftungsrecht

Wir brauchen eine Aufklärung über die Risiken der natürlichen Geburt

Dr. Roland Uphoff vor einer Wand mit Akten

Seit längerer Zeit wird in der gynäkologischen und geburtshilflichen Literatur darauf hingewiesen, dass die Risiken der natürlichen Geburt für die Mutter stärker beachtet werden müssen. Es geht dabei in erster Linie um das Risiko mütterlicher Beckenbodenschädigungen, die mit der vaginalen Geburt verbunden sind. Diese Schädigungen können lebenslange Auswirkungen haben und die Lebensqualität betroffener Frauen ist zum Teil massiv eingeschränkt.

Die medizinrechtliche Sicht

In einem Vortrag im Rahmen des 15. Intensivkurses Pränatal- und Geburtsmedizin in Aachen habe ich online zu diesem Thema referiert und den teilnehmenden Gynäkologen und Geburtshelfern dargestellt, dass auch aus meiner medizinrechtlichen und medizinethischen Sicht mögliche Risiken und Folgeschädigungen bei der werdenden Mutter mehr Beachtung finden müssen. Es gibt aus medizinischer Sicht gewisse Parameter (beispielsweise Frauen mit einer Körpergröße von weniger als 1,60 m und einem geschätzten kindlichen Geburtsgewicht von über 4.000 g; lange und verzögerte Geburten mit Belastung des Beckenbodens), die vor der Entbindung mit der werdenden Mutter besprochen werden müssen.

Bisher hat die obergerichtliche Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ausschließlich darauf hingewiesen, dass mit der werdenden Mutter die Risiken einer Vaginalgeburt dann besprochen werden müssen, wenn für das Kind ernstzunehmende Gefahren drohen. Beckenbodenschädigungen durch die natürliche Geburt werden dagegen als allgemeines Risiko der werdenden Mutter und gerade nicht als „Behandlungsrisiko“ angesehen.

Diese Auffassung ist aus meiner Sicht unvollständig und vernachlässigt völlig die berechtigten Interessen der vor der Geburt stehenden Frauen. Bei Konstellationen, in denen das Risiko von schweren und nachhaltigen Beckenbodenschäden höher ist als im Normalfall, muss aus meiner medizinrechtlichen Sicht auch hierüber aufgeklärt werden. Die verschiedenen Entbindungsmethoden (natürliche Geburt, Kaiserschnitt) müssen dann mit der werdenden Mutter erörtert werden.

Was sich ändern muss

Bisher liegt noch keine obergerichtliche Rechtsprechung vor, die eine derartige Aufklärungspflicht des Gynäkologen oder Geburtshelfers fordern. Dennoch habe ich bei meinem Vortrag unter Hinweis auf die medizinische Literatur klargestellt, dass bleibende Beckenbodenschäden als Geburtsfolgen für eine Frau lebensverändernd sind und ernst genommen werden müssen. Wenn die individuelle medizinische Situation eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für solche Schädigungen bei einer natürlichen Geburt zeigt, so die werdende Mutter über diese Risiken aufzuklären und die Möglichkeit einer Kaiserschnittentbindung zu besprechen. Nur so können die betroffenen Frauen wirklich eine Entscheidung unter Abwägung aller Informationen treffen.

Bereits 2019 habe ich dieses Thema ausfürlich in einem Fachartikel behandelt. Den vollständigen Artikel aus der Zeitschrift Der Gynäkologe können Sie hier nachlesen.

Ein Beitrag von:

Dr. Roland Uphoff, M.mel.
Fachanwalt für Medizinrecht,
Geburtsschadensrecht und Arzthaftungsrecht

Fachbeitrag von Roland Uphoff auf der Website kidsgo

Sternenkinder und verwaiste Eltern: Kann und soll eine medizinrechtliche Aufklärung und Beratung Trauerarbeit von Müttern und Vätern helfen?

Fachbeitrag auf der Website kidsgo

Für das Onlinemagazin kidsgo habe ich einen Gastbeitrag verfasst, der sich damit beschäftigt, inwiefern die medizinrechtliche Aufklärung und Beratung die Trauerarbeit der Eltern von Sternenkindern unterstützen kann.

Offene Gespräche in den Kliniken bleiben aus

Eltern von Kindern, die während bzw. kurz nach der Geburt oder etwas später verstorben sind, kommen meist dann mit drängenden Fragen in meine Kanzlei, wenn klärende und offene Gespräche in den Entbindungskliniken mit den beteiligten Personen ausgeblieben sind. Sie haben sich aus diesen Gesprächen die Beantwortung ihrer drängenden Fragen erhofft und werden stattdessen mit dem unerträglichen Schmerz des Verlustes ihres Kindes allein gelassen.

Klärung der Umstände hilft den Trauernden

In ihrer Trauer durchlaufen die Betroffenen verschiedene Phasen der Bewältigung des Geschehenen. Die medizinjuristische Aufklärung kann dabei auf der einen Seite schmerzhaft sein, aber auch entlastend wirken, indem die Eltern Antworten auf ihre offenen Fragen erhalten. Gerade für Mütter, die häufig die Schuld bei sich selbst suchen, kann dies eine große Unterstützung in der Bewältigung dieser unfassbar schweren Situation sein.

Den vollständigen Artikel können Sie hier auf kidsgo nachlesen.

Ein Beitrag von:

Dr. Roland Uphoff, M.mel.
Fachanwalt für Medizinrecht,
Geburtsschadensrecht und Arzthaftungsrecht